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Dachgarten wagnis 4

München

Das Projekt in Münchner Innenstadtlage beschäftigt sich mit einem wichtigen Zukunftsthema der Landschaftsarchitektur: die Gestaltung vielfältig nutzbarer, grüner, gleichzeitig naturnaher und ästhetisch ansprechender Gartenflächen auf Dächern, als Ergänzung der knappen Freiflächen zu ebener Erde mit – wie fast immer im Wohnungsbau– sehr begrenztem Budget.
Extensive Dachbegrünungen oder reine Dachterrassen sind hier keine Option.
Besonderheiten des vorgestellten Projekts sind Materialwahl, differenzierte Substratplanung und Pflanzenverwendung, Integration der Gebäudetechnik, Gemeinschaftsnutzung und vor allem die intensive Partizipation der Nutzer in Planung, Bau und Unterhalt des Dachgartens.

Das genossenschaftliche Wohnprojekt wagnis 4 mit ca. 100 Bewohnern steht am Ackermannbogen in München in relativ grüner Umgebung, am Rand des Olympiaparks. Die 4-5-geschoßige Bebauung ist mit einer GFZ von ca. 1,0 noch relativ wenig verdichtet. Trotzdem war den Genossen im Planungsprozess relativ schnell klar, dass ihre Freiraumansprüche nicht allein im erdgeschossigen Hof unterzubringen sein würden. Die Bewohnerschaft wünschte sich gleichzeitig viele Bäume, sonnige Grünflächen, Bewegungs- und Spielraum für Kinder, ruhige Rückzugsräume wilde Natur, ausgedehnte Anbauflächen und vieles andere mehr.
Die Planer entschieden sich, die ruhe- und sonnenbedürftigen Freiraumnutzungen in einen Dachgarten über dem 3.Obergeschoß des Nordhauses auszulagern, und hier Rückzug und Grünerlebnis in unterschiedlich großen „Gartenzimmern“ zu ermöglichen. Das Dach über dem 3.Obergeschoß des Westhauses nimmt Anbauflächen für Gemüse auf, mit einem Gewächshaus in der Nordwestecke. Auf dem 5-geschossigen Osthaus gibt es im Nordosteck vier Ölweiden mit größerer Fernwirkung.

Die Dachflächen im Norden und Westen sind über den Aufzug im Osthaus barrierefrei zugänglich. Der Anteil an Belagsflächen wurde auf das erforderliche Mindestmaß reduziert. Geringe Belastungen ermöglichen „billige“ Wegeflächen aus liegend, mit großen Fugen und ohne Einfassung eingebauten Betonleistensteinen und eine Aufweitung als Holzdeck. Gehölze, Stauden und Gemüse wachsen in handwerklich vorgefertigten großen Trögen aus rohem Stahl. Für abgemagerte Rasenflächen, Gehölze und Stauden, Gemüse und kalkmeidende Kulturen wurden vier verschiedene Substratmischungen aus regionalen Grundstoffen eingesetzt. Die Pflanzung folgt einem durchgehenden Konzept, mit robusten mediterranen Staudenflächen und einem lichten Schirm aus Felsenbirnen und Sommerflieder.

Die Gemüsebeete werden jeweils von 2-3 Familien nebeneinander bewirtschaftet. Ähnliches gilt für das Gewächshaus, dessen Kosten und Bauaufwand sich 6 Familien geteilt haben. Für das gemeinschaftliche „Solettl“, einen unbeheizten Glaswintergarten am Treppenhaus Nord, hat sich unter den Genossen ein sonnenhungriger Sponsor gefunden.

Im Planungsprozess ist es gelungen, die Vielzahl der Sanitäreinrichtungen (Dachentlüfter, Dachabläufe) so zu bündeln und zu platzieren, dass sie die Nutzung und der Gesamteindruck des Dachgartens nicht stören.

Wichtigste Besonderheit des Projektes ist die starke Beteiligung der Bewohner schon im Planungsprozess, bei der Realisierung und im Unterhalt. Pflanzungen, Holzdecks und drei größere windschützende Liege- und Sitzmöbel wurde selbstbaugerecht geplant und (mit anfänglicher Anleitung durch die Landschaftsarchitekten) von den Bewohnern mit großem Engagement noch vor dem Einzug realisiert.

Der Dachgarten macht nach drei Jahren Nutzung und Pflege durch die Bewohner einen geordneten und gleichzeitig naturnahen Eindruck. Die wenigen eingesetzten Materialien (Lärchenholz, Betonleisten, patinierter roher Stahl) harmonisieren mit dem üppig wachsenden Grün.
Die Nutz- und Ziergartenflächen werden sehr intensiv angenommen, die Bewohner ziehen sich allein und in kleinen Gruppen zurück oder treffen sich zum Chillen und Grillen am Dach. Damit können sich auch die unbefestigten Freiflächen im Hof mit der großen Obstwiese „grüner“ entwickeln, als man das in dieser innerstädtischen Lage erwarten würde.

Das Projekt hat 2015 den Wohnungsbaupreis und 2016 den Grünflächenpreis der Stadt München (jeweils 1. Rang) erhalten.


Übersicht über die Anbauflächen am Westdach mit Hochbeeten und gemeinsam genutztem Gewächshaus © Bernhard Rohnke, WRW FreiRaumArchitekten, 2016


Das Dach über dem viergeschoßigen Nordhaus mit © Bernhard Rohnke, WRW FreiRaumArchitekten, 2016


Gewächshaus mit Kräuterbeet und Leistensteinwegen; Blick zum Aufzug im fünfgeschoßigen Osthaus © Rudi Hassenstein, 2015


Bewohner beim Bau ihres "Solettl", im Hintergrund Dachbäume und Vogelhochhaus. © Rudi Hassenstein, 2016


Gemeinschaftliche Beetnutzung am Westdach, in teilweise rollstuhlgerechten Hochbeeten. © Bernhard Rohnke, WRW FreiRaumArchitekten, 2016


Lageplanausschnitt Nordwestecke Dachgarten, Übergang vom Nutzdach zum Zier- und Rückzugsdach. © WRW Freiraumarchitekten, 2015


Norddach mit Kräuterrasen, Heckenhochbeeten und (mittlerweile völlig berankten) Sanitärrohrhochzügen. © Petra Hartung, WRW FreiRaumArchitekten, 2015


Windschutzmöbel aus Lärchenholz, erstellt in Eigenleistung der Bewohner © Bernhard Rohnke, WRW FreiRaumArchitekten, 2015


Die künftigen Bewohner beim Bau einer Windschutzbank © Rudi Hassenstein, 2014


Lärchenholzliege mit Windschutz im Rückenteil, nach Planerangabe in Eigenleistung der Bewohner gebaut. © Petra Hartung, WRW FreiRaumArchitekten, 2014


Entwurfsverfasser
Rupert Wirzmüller, Wamsler Rohloff Wirzmüller FreiRaumArchitekten

Mitarbeiter
Annette Pilz


Fachplaner / Bauleitung
Architekten:
A2 Freising
Oberer Graben 3a, 85354 Freising

am Bau beteiligte Firmen
Dachbegrünungsarbeiten:
Fa. Gaissmaier Landschaftsbau GmbH
Hallbergmooser Str. 53
85356 Freising

Metallbau Dachgarten:
Fa. Hummelsberger
Am Industriepark 5
84453 Mühldorf


Auftraggeber | Bauherr
Wohnbaugenossenschaft wagnis eG

Bearbeitungszeitraum
2012 - 2014

Planungs- / Baukosten
ca. 170.000