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Gedenkstätte für die ermordeten Wiesbadener Juden

Wiesbaden

Am Ort der Gedenkstätte für die ermordeten Wiesbadener Juden befand sich bis zu ihrer Zerstörung in der Reichspogromnacht 1938 die prachtvolle, 1869 erbaute Synagoge. Die Wiesbadener Bürgerschaft entschloß sich 2005 zu einem deutlichen Zeichen, das vom Holocaust und der Ermordung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zeugt. Das entstandene Bauwerk ist auf allen Ebenen und mit jedem Detail als diesem Auftrag, Inhalt und Anliegend dienend und kommunizierend zu verstehen und hat mit dem Tag der Eröffnung seinen Platz in der Stadtlandschaft und –gesellschaft, in ihrer Erinnerung- und Gedenkkultur eingenommen.

LAGE
Am Eingang zur Altstadt, eine wichtige Straße überlagernd und angrenzend an das sog. arabische Viertel gelegen, bildet die Gedenkstätte für die ermordeten Wiesbadener Juden das Tor zur innerstädtischen Fußgängerzone, ist umgeben von Wohn- und Geschäftshäusern und verankert damit das kollektive und individuelle Gedenken im Alltag, ohne das Umfeld zu dominieren.

BEZÜGE UND ELEMENTE
Das Denkmal steht im Spannungsfeld zwischen Einzelnem und Stadtgesellschaft, zwischen Gedenken und Alltag, zwischen stadträumlicher, räumlicher und inhaltlich-gestalterischer Passung. Es integriert Elemente der bisherigen Auseinandersetzung und stellt historische, architektonische und kulturelle Bezüge her. Höchstmögliche Reduktion des Sichtbaren bei gleichzeitiger Detailgenauigkeit sowie eine Vielfalt an Informationsebenen dienen in allen Teilen und Elementen dem Anliegen der Stadt, in ihrer Mitte der Opfer des Holocaust namentlich zu gedenken.

MATERIAL
Es wurden möglichst helle Basalte und Basalttuff gewählt, die dennoch ein breitgefächertes, kontrastierendes Farbspiel aufweisen. Der Basalttuff hat darüber hinaus schallabsorbierende Wirkung.

DAS VOLUMEN DES FEHLENDEN
7 m hohe Wandscheiben umfassen den Standort der ehemaligen Synagoge. Markant differierende Oberflächen des Bodenbelages markieren ihren Grundriß. Es entsteht ein Rahmen, der zum einen ein Volumen, ein Fehlen und eine Dimension von Leere faßt, zum anderen Raum gibt für Gedenken und bürgerschaftliches Engagement.

NAMENBAND
Um Anklänge listenartiger Aufzählungen zu vermeiden, Auffindbarkeit aber zu ermöglichen, ist ein fortlaufendes Band der Namen entstanden. Auf der Innenseite der 64 m langen Wandscheiben verläuft auf Augenhöhe ein Band, das auf einzelnen Steinen die Namen der 1507 bisher bekannten jüdischen Opfer in alphabetischer Reihenfolge trägt. Leere Steine verweisen auf die Lücken in den Opferlisten, stehen für die, deren Schicksal bisher ungeklärt ist. Diese können gegen Steine mit neu recherchierten Namen getauscht werden. Das Namenband ist vertieft in die Wandscheiben eingelassen, so daß ein Vorsprung entsteht, auf dem Angehörige oder Besucher der jüdischen Tradition folgend Erinnerungssteine niederlegen können.

SCHRIFT
Die Buchstaben der Namen sind 5 mm erhaben. Sie treten in den Stadtraum hinein und wenden sich in ihrer plastischen Präsenz an die Gegenwart. Als Schrift wurde die von Paul Renner entwickelte Futura gewählt. Er bezeichnete sie 1927/28 als Mittel, um Teilen des überholten nationalen Gewandes von Deutschland entgegenzutreten.

KLANG
Akustikmessungen vor Ort und –berechnungen am digitalen Modell unterstützten die Auswahl der Gesteine und ihrer Struktur, um Lärmabsorption zu erreichen und -reflektion zu vermeiden. In die Wandscheiben ist die Technik für einen akustischen Paravent integriert. Er maskiert vor dem Namenband Verkehrslärm und schafft damit einen konzentrierten akustischen Raum. Die geflammte Oberfläche der Basaltsteine, die im Straßenbelag den Grundriß der Synagoge nachbilden, macht die Gedenkstätte für Autofahrer gewollt hörbar.

LICHT
Die Beleuchtung des Namenbandes vervollständigt die Präsenz des besonderen Ortes im Stadtraum und steigert zusätzlich das Sicherheitsempfinden.

BÄUME
Die gegenüber dem Denkmal gepflanzten Ölweiden erinnern an Olivenbäume, diese gelten in allen Kulturen als Symbol des Friedens. Ihr graugrünes Blätterdach verbindet sich mit dem Farbkonzept des Denkmals und wirkt als integratives Element zwischen Stadtraum und Gedenkstätte.


Ehemalige Synagoge am Michelsberg auf Sockel um 1895, erbaut von Philipp Hoffmann. Heute: Projektion des Synagogengrundrisses in den Stadtraum. © Andreas Süß, planung.freiraum, 2012


Vorher (2009) / Nachher (2012). Überlagerung von Alltag und Gedenken: Projektion und Lesbarkeit des Leerraumes. Rahmen für Gedenken und bürgerschaftliches Engagement. Ein Ort für alle. © Andreas Süß, planung.freiraum, 2012


Statisches und konstruktives System Wandscheiben und Namenband. Die Gesamtstruktur und jedes Detail stellen sensible Bezüge zum historischen Ort her. Die Details machen diese Bezüge auf vielfaltige Weise lesbar. © Andreas Süß, planung.freiraum


Namenband, vertieft in die Wand eingelegt. Erstmals erhält hier jede und jeder einen persönlichen Gedenkstein. Leere Steine und Leerstellen verweisen auf die Lücken in der Opferliste. Im Denkmal ist die namentliche Erinnerung zentral. © Andreas Süß, planung.freiraum, 2012


1507 einzelne Namensteine im Namenband eingebettet mit Vor- und Familienname, Geburtsname bei Frauen, Geburts- und Sterbejahr, Sterbeort. Schrift Futura von Paul Renner 1927/28. © Andreas Süß, planung.freiraum, 2011


Konstruktive Details und statisches System, vorgehängte risskontrollierte WU-Schale an Bohrpfählen / Licht / akustische Konsolen. Keine sichtbaren Dehnungsfugen im statischen Tragsystem / minimierte Dehungsfugen in Namenband und Mauerschale © planung.freiraum, 2010


Lichtraum. Nächtliche Lesbarkeit und Sicherheit. LED-Warmton Leuchten als projektbezogene Sonderkonstruktion. © Andreas Süß, planung.freiraum, 2012


Oberflächenstruktur und Materialauswahl nach akustischen und psychoakustischen Kriterien, akustischer Paravent als Maskierung für Verkehrslärm, Schallabsorption und Vermeidung von Schallreflektion gegen Verkehrslärm. © Andreas Süß, planung.freiraum, 2012


Vermittlung durch digitales Informationssystem inkl. Touchscreen, Audioversion Deutsch/Englisch. Namentliche Suche nach Erinnerungsblättern, die fortlaufend durch das Engagement des Aktiven Museums und des Stadtarchivs ergänzt werden. © Andreas Süß - Barbara Willecke, planung.freiraum, 2012


Treppenanlage und Wandfuge mit Innenansicht der Synagoge, in Glas geätzt, im Bereich des früheren Portals. © Andreas Süß, planung.freiraum, 2012


Entwurfsverfasser
Barbara Willecke, planung.freiraum

Mitarbeiter
Mitarbeiter/Innen : Clara Jäkel, Markus Loh, Leonie Rhode, Jana Sido, Frank Skupin, Andreas Süß


Fachplaner / Bauleitung
Bauleitung : planung.freiraum, Markus Loh
Lichtplanung :  LichtRaumStadt, Wuppertal
Statik : HEG - Ingen­ieure, Berlin
Akustische Beratung : Prof. Brigitte Schulte -­ Fortkamp (TU Berlin), Ingenieur­büro Schlosser

am Bau beteiligte Firmen
Betonarbeiten : Fa. Karl Gemünden GmbH & Co. KG, Ingelheim und Fa. P + H Steinkunstbau & Fassadentechnik GmbH, Winnweiler
Steinmetzarbeiten : Steinmetz und Bildhauerei Schwartzenberg, Aachen
GalaBau und Tiefbau/Straßenbau : Fa. Gramenz GmbH, Wiesbaden
Namenband : Fa. Schwartzenberg, Aachen


Auftraggeber | Bauherr
Landes­haupt­stadt Wies­baden,
Vertretung durch SEG Stadt­entwicklungs­gesell­schaft Wies­baden mbH (Herr Schwarz, Geschäftsführung)

Bearbeitungszeitraum
2006-2012

Planungs- / Baukosten
3.335.400 EUR brutto